Das Prinzip
Zwei Teams treten gegeneinander an, meistens drei bis vier Spieler pro Mannschaft. Ein Moderator — bei Keith Johnstone hieß er Schiedsrichter — leitet den Abend. Das Publikum ruft Themen, Orte, Genres oder Berufe in den Raum. Die Teams müssen daraus Szenen improvisieren. Nach jeder Runde bewertet das Publikum mit Punktekarten, welches Team die bessere Szene geliefert hat.
Auf einen Blick
- Format
- Wettkampf zwischen zwei Impro-Teams, Publikum bewertet mit Punktekarten
- Erfinder
- Keith Johnstone (1933–2023), britisch-kanadischer Theaterpädagoge
- Entstehung
- 1970er Jahre, Loose Moose Theatre, Calgary (Kanada)
- Ältestes deutsches Ensemble
- Harlekin-Theater Tübingen (seit 1992, 1.700+ Vorstellungen, 550.000 Zuschauer)
- WM in Deutschland
- 2006, 16 Teams aus aller Welt, 11 deutsche Städte (FIFA-Kulturprogramm)
- Eintritt
- 10–25 € (90–120 Minuten)
Die Szenen sind kurz, selten länger als fünf Minuten. Jede Runde hat eigene Regeln: In einer müssen beide Teams gleichzeitig spielen. In einer anderen darf nur ein Spieler pro Team auf die Bühne. In wieder einer anderen wird ein Zuschauer einbezogen. Diese Vielfalt der Disziplinen — Johnstone nannte sie bewusst so, wie im Sport — macht jeden Abend unberechenbar.
Was Theatersport von anderen Formen des Improtheaters unterscheidet: Es gibt ein klares Ergebnis. Am Ende steht ein Gewinner. Das klingt nach einem Detail, verändert aber die gesamte Dynamik. Die Spieler kämpfen um etwas. Das Publikum fiebert mit. Und wenn ein Foul gepfiffen wird — etwa für ein abgedroschenes Klischee — johlt der Saal.
Keith Johnstone und die Erfindung des Formats
Keith Johnstone, geboren 1933 in Devon, gestorben 2023 in Calgary, war britischer Dramaturg und Theaterpädagoge. Er unterrichtete am Royal Court Theatre in London, bevor er 1966 nach Kanada ging. Dort entwickelte er in den 1970er Jahren am Loose Moose Theatre in Calgary das Format, das er Theatersport nannte.
Johnstones Grundidee: Theater sollte sich am Sport orientieren, nicht an der Literatur. Er wollte ein Publikum, das mitfiebert statt still sitzt. Teams, die gegeneinander antreten. Regeln, die Spannung erzeugen. Und die Möglichkeit zu scheitern — im Sport ist Verlieren ein normaler Teil des Spiels, im Theater wird es gefürchtet.
Was viele nicht wissen: Johnstone wollte ursprünglich kein Comedy-Format. Er plädierte für ernste und komische Szenen gleichermaßen. In der Praxis hat sich allerdings eine Form durchgesetzt, die fast ausschließlich auf Komik setzt. Johnstone hat das bis zu seinem Tod bedauert.
Theatersport in Deutschland — Tübingen als Hauptstadt
Wenn es eine Hauptstadt des deutschen Theatersports gibt, dann ist es Tübingen. Das Harlekin-Theater, gegründet 1992 von Volker Quandt, ist Deutschlands ältestes professionelles Theatersport-Ensemble. Über 1.700 Vorstellungen im Originalformat, mehr als 550.000 Zuschauer. Die beiden Stammteams heißen „Fortuna Faust" und „Coole Rampe".
Das Harlekin-Theater hat aus dem Originalformat heraus eigene Varianten entwickelt: „Theatersport-Spezial" in kleinerer Besetzung, „IMPROamSTÜCK" als abendfüllendes improvisiertes Theaterstück ohne Pause. 2017 spielten sie „Die 27 Stunden von Tübingen" — neun Theatersport-Vorstellungen nonstop, live gestreamt nach Japan, Australien, in die USA und Brasilien.
Die erste Weltmeisterschaft im Theatersport fand 2006 in Deutschland statt — im Rahmen des Kunst- und Kulturprogramms zur FIFA WM. 16 Teams aus aller Welt traten in elf deutschen Städten an. Eine Deutsche Nationalauswahl wurde aufgestellt. Es war der Moment, in dem Theatersport in Deutschland am sichtbarsten war. Seitdem hat sich die Szene eher in die Breite als in die Sichtbarkeit entwickelt.
Die Lizenzfrage
Theatersport ist eine in Kanada eingetragene Wortmarke. Das International Theatresports Institute (ITI) erhebt Lizenzgebühren für die Nutzung des Formats. In Europa ist die Lizenzierung freiwillig — der Markenschutz gilt nur in Kanada, da Kanada nicht Mitglied des Madrider Systems ist.
In der Praxis umgehen viele Gruppen die Lizenzierung, indem sie ihre Shows „Impro-Match", „Theatermatch" oder „Impro-Battle" nennen. Die Gebührenstruktur des ITI ist intransparent — die genauen Bedingungen werden erst nach Unterzeichnung einer Vertraulichkeitsvereinbarung bekannt gegeben. Das hat innerhalb der Szene für Kritik gesorgt. Johnstone selbst verteidigte das System: Die Lizenzierung solle ein Verwässern des Formats verhindern.
Für das Publikum spielt die Lizenzfrage keine Rolle. Ob ein Abend „Theatersport" oder „Impro-Match" heißt, ändert nichts an der Qualität. Die Spieler wissen, was sie tun — unabhängig vom Label.
Theatersport erleben
Theatersport wird in den meisten größeren deutschen Städten regelmäßig angeboten. Neben dem Harlekin-Theater in Tübingen gibt es Ensembles in Berlin, Hamburg, München, Köln und vielen weiteren Städten. Die Eintrittspreise liegen typischerweise zwischen 10 und 25 Euro — deutlich unter dem Niveau eines klassischen Theaterabends.
Wer Theatersport zum ersten Mal besucht, wird überrascht sein, wie wenig er einem klassischen Theaterabend ähnelt. Die Atmosphäre erinnert eher an ein Sportereignis: laut, emotional, mit Anfeuern und Buhrufen. Das Publikum ist nicht stiller Konsument, sondern aktiver Teilnehmer. Es gibt Themen vor, bewertet die Szenen und nimmt Partei.
Theatersport teilt diese Qualität mit anderen interaktiven Live-Formaten: Das Publikum ist nicht Zuschauer, sondern Mitspieler. Was sich unterscheidet, ist die Leichtigkeit. Theatersport nimmt sich selbst nicht ernst. Scheitern gehört dazu. Und genau das macht es für viele Menschen zugänglicher als jede andere Theaterform.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Theatersport und Improtheater?
Theatersport ist ein spezifisches Format innerhalb des Improtheaters. Zwei Teams treten gegeneinander an, das Publikum bewertet die Szenen mit Punkten. Am Ende gibt es einen Sieger. Improtheater ist der Oberbegriff und umfasst viele Formate — auch solche ohne Wettkampf-Element, wie Langformen oder den Harold.
Braucht man Vorkenntnisse, um Theatersport anzuschauen?
Nein. Theatersport ist so konzipiert, dass es für jeden zugänglich ist — auch ohne Theatererfahrung. Das Publikum gibt Themen vor und bewertet die Szenen. Die Atmosphäre ist eher Sportevent als Theatervorstellung: laut, emotional und unterhaltsam.
Darf jede Gruppe ihr Format Theatersport nennen?
Formal ist „Theatersport" eine in Kanada eingetragene Wortmarke. Das International Theatresports Institute (ITI) erhebt Lizenzgebühren. In Europa ist die Lizenzierung freiwillig. Viele Gruppen umgehen das, indem sie ihre Shows „Impro-Match" oder „Theatermatch" nennen.
Wo kann man Theatersport in Deutschland sehen?
In den meisten größeren Städten. Die älteste professionelle Spielstätte ist das Harlekin-Theater in Tübingen mit über 1.700 Vorstellungen seit 1992. Auch in Berlin, Hamburg, München, Köln und vielen weiteren Städten gibt es regelmäßige Theatersport-Abende.
Was kostet ein Theatersport-Abend?
Die Eintrittspreise liegen typischerweise zwischen 10 und 25 Euro — deutlich günstiger als klassisches Theater oder Kabarett. Die Veranstaltungen dauern in der Regel 90 bis 120 Minuten.